Die Türen der Nacht sind Tore des Lichts

Aktualisiert: Juni 6


Wenn die Propheten einbrächen [i]

durch Türen der Nacht,

den Tierkreis der Dämonengötter

wie einen schauerlichen Blumenkranz

ums Haupt gewunden –

die Geheimnisse der stürzenden und sich hebenden

Himmel mit den Schultern wiegend –


Für die längst vom Schauer Fortgezogenen –


Wenn die Propheten einbrächen

durch Türen der Nacht,

die Sternstrassen in ihren Handflächen

golden aufleuchten lassend –


für die längst im Schlaf Versunkenen – …



Wenn dies geschieht, befinden wir uns an der Schwelle. Dies kann jederzeit jetzt sein. Etwas bricht in unser Leben ein, in dem wir versunken sind, in dem wir schlafen, in dem wir den gewohnten Gang gehen und glauben, alles würde immer so bleiben. Es bricht immer dann ein, wenn wir es nicht erwarten. Es kommt niemals als Teil der Gewohnheit, in der wir leben, sondern immer als Überraschung, über die wir erschrecken. Die Türen der Nacht – die Türen eines geistigen Raumes – werden aufgetan, Sternstrassen leuchten golden auf und zeigen uns einen anderen Weg.


Wenn die Propheten einbrächen

durch Türen der Nacht

mit ihren Worten Wunden reissend

in die Felder der Gewohnheit,

ein weit Entlegenes hereinholend

für den Taglöhner


der längst nicht mehr wartet am Abend –


Wenn die Propheten einbrächen

durch Türen der Nacht

und ein Ohr wie eine Heimat suchten –


Ohr der Menschheit

du nesselverwachsenes,

würdest du hören?


Was ist der Ruf an uns? Woher kommt er?

Die Schwelle beschreibt den Ort, wo ein Raum in einen anderen übergeht. Das kann der Raum der Kindheit sein, der zum Raum des Erwachsenseins wird und an dessen Schwelle all unsere Ideale und Träume einbrechen. Es kann der Raum der Naturerscheinungen sein, der jenseits der Schwelle zur Welt von Wesen wird, die in diesen Erscheinungen leben. Diese Schwelle öffnet uns das Leben in vielen Dimensionen und unendlicher, musikalischer Harmonie und Wechselwirkung. Es kann der Raum des Lebens sein, der zum Raum des Verstorben-Seins wird. Die Schwelle dieses Übertritts bringt uns nochmals in Berührung mit dem, wofür wir leben wollten. Oder es sind Schwellen mitten im Raum des Lebens, in dem wir kleine Tode sterben und neu werden - uns erinnern an unsere Impulse...

Jede Schwelle bringt uns in Verbindung mit der Zukunft und mit einem Zeitstrom, den man auch Sinnstrom nennen könnte. Dieser Strom zieht uns zu unserer Bestimmung.

In der Welt hat alles seinen Sinn und seine Bestimmung, die nicht durch die Vergangenheit definiert sind. Die Bestimmung der Blüte liegt in der Frucht, die Bestimmung der Frucht liegt im Samen, die Bestimmung des Samens liegt in der Pflanze usw. So auch jeder Mensch. Sein Sinnstrom zieht ihn zu Orten und Menschen und gibt dem, was er tut, den Sinnzusammenhang. Deshalb kann man oft auch erst später eben den Sinn in einem Ereignis erleben, wenn man schon ein Stück weiter in der Zukunft lebt und ein neues Ganzes entstanden ist, sich ein neues Lebensbild gewoben hat.

Der Sinn sucht uns durch Türen der Nacht wie ein Prophet. Hören wir ihn?


Ohr der Menschheit

du mit dem kleinen Lauschen beschäftigtes,

würdest du hören? …


Hören wir die Zukunft und verstehen wir ihre Sprache? Womit sind wir tagtäglich beschäftigt und abgelenkt? Welche Art des Lauschens müssen wir entwickeln, damit wir das Lebens selbst zu hören beginnen? Denn von jenseits der Schwelle bricht das Leben in den Tod des gewohnten Lebens hinein. – Vor der Schwelle leben wir im Strom des Vergehens, hinter der Schwelle leben wir im Strom des Werdens.

Es gibt also diesen Werdeort, diesen schöpferischen Raum, in dem wir uns selbst wiederfinden als jemanden, den wir noch nicht kennen. In dem wir der Welt begegnen, ohne sie zu zementieren. In dem wir Beziehungen leben, in welchen wir einander im Angesicht der Zukunft mithervorbringen. Es gibt ihn in uns und es gibt ihn durch uns in der Welt. Im Herzen können wir ihn öffnen. – Das ist der Grund, weshalb der kleine Prinz, der auch aus dieser anderen Welt hereingebrochen ist, sagen kann: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Und zugleich ist es dieser Andersraum, der unsere Herzen öffnet.


Wenn die Propheten aufständen

In der Nacht der Menschheit

wie Liebende, die das Herz des Geliebten suchen,

Nacht der Menschheit

Würdest du ein Herz zu vergeben haben? [i]


Ob wir ein Herz zu vergeben haben, oder nicht, davon hängt unsere Zukunft ab, die uns darin sich selbst gibt. «Die Herzen beginnen Gedanken zu haben!»[ii] Die Gedanken, die an unser Gehirn gebunden sind, werden vor der Schwelle gedacht und sind solche, die vergehen und in den Tod führen. Die Gedanken, die wir im Herzen erleben, fühlen und welchen wir den Sinn der Welt ablauschen, werden zum Gespräch an der Schwelle der Welt, die uns ins Lebendige geleitet.

Die Sprache eines solchen Gesprächs sind gewoben aus drei Fähigkeiten, die Rudolf Steiner Imagination, Inspiration und Intuition nannte. Sie werden vorbereitet durch die Gefühle des Staunens, des Mitgefühls und des Gewissens. Sie sind verbunden mit unseren Gedanken- Herz- und Willenskräften, die sich jenseits der Schwelle gegenseitig tragen.


Es geht nicht mehr um Wissen – es geht um Fähigkeiten. Um Fähigkeiten an der Schwelle, um einen neuen Boden, einen, der aus dem Innern hervorwächst. Es geht um neue, lebendige Begriffe, die (gerade auch durch die Eurythmie!) Sinn-voll bewegt und errungen werden können. Es geht nicht mehr um Gedanken, sondern darum, ob wir mit unserem Denken die Wirklichkeit erfassen. Dabei müssen wir an einem Denken arbeiten, das der Welt ent-spricht – ihr entgegen spricht. Die Frage ist dabei immer wieder: in welcher Wechselbeziehung finden sich das Denken und die Welt? Ist die Welt ein lebendiger Kosmos, muss auch das Denken kosmisch lebendig werden, um die Weite der Welt im Denken überhaupt zu begreifen. Ist die Welt ein Organismus, in dem das eine zum andern in Beziehung steht, muss auch das Denken organisch werden, muss in Beziehungen weben und atmen, ohne sich in Einzelheiten zu verlieren und das Ganze zu verlassen. Ist die Welt in ihrem Wesen moralisch, muss sich auch das Denken in der Sphäre der Moralität beheimaten.

Die Tatsache, dass ich bereits solche Fragen stellen kann, beweist, dass es diese Schicht der Welt gibt. Nur wenn ich mich von meinem Wesen und meiner Seele abschneide, kann ich behaupten, die Welt sei ein Apparat, den ich zu beherrschen vermag. Dann aber habe ich mich auch von der Welt abgeschnitten. Charles Eisenstein[iv] nennt das die «Separation» und das, was es zu erringen gibt, «Interbeing», ein In-der-Welt-Sein. Wenn ich in mir die Gedanken- Herz- und Willenskräfte verbinde, tragen sie mich über die Schwelle ins Leben hinein, in eine Welt voller Geheimnisse und Schönheit, in eine Welt, in der ich als schöpferisches Wesen teilhabe, weil ich Teil bin dessen, was sich fortwährend vollzieht und durch meine Schöpferkraft vollziehen kann – das Wunder des Lebens. Dieses Verbinden von Gedanken- Herz- und Willenskräften ist erst in dem Sinne ein Wirklichkeits-erfahrendes Denken, ist schöpferisches Denken, das auch noch das Schöpferische selbst im eigenen Denken begreift.


Dies ist nicht etwa ein philosophisches Problem, dem ich mich zuwenden kann oder nicht. Denn es ist unser Weltbild, das unsere Realität schafft. Was und wie ich denke – darin liegt auch das Schöpferische des Denkens – erschafft das, was ich als Realität erlebe und zugleich auch konfiguriere. Damit ist nicht ein Resonanzfeld gemeint, sondern das Denken selbst als einer Wirklichkeit, die wiederum Wirklichkeit schafft.

[i] Nelly Sachs, Wenn die Propheten einbrächen, Fahrt ins Staublose, Gedichte, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1988 [ii] Rudolf Steiner, Leitsätze, GA 26 [iv] Charles Eisenstein, Es gibt eine schönere Welt und unser Herz kennt sie.